Gefühle im spirituellen Kontext – Weiser Wegweiser oder Drama-Queen?
- Martin Trinoga

- 18. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Mai
Gefühle – diese faszinierenden, manchmal dramatischen, manchmal erhebenden inneren Zustände – werden im Alltag oft entweder vergöttert oder unterdrückt. Aber was, wenn sie mehr sind als Stimmungsschwankungen mit Esoterik-Filter?
Im spirituellen Kontext sind Gefühle keine Hindernisse auf dem Weg zur Erleuchtung – sie sind Teil des Weges. Vorausgesetzt, wir machen nicht gleich eine Netflix-Serie aus jedem inneren Wetterumschwung.

🤓 Vorab - warum war das wichtig für mich zu verstehen?
Ähnlich wie beim Pre- und Transrationalen (zum Blogbeitrag), wurde mir klar: Es geht nicht darum, den Verstand zu verleugnen oder Gefühle und Emotionen zu idealisieren. Vielmehr ist es eine Erweiterung der Wahrnehmung und ein Wegweiser – nicht die Wahrheit, sondern eine Dimension davon. Gerade bei Gefühlen wird oft dogmatisch argumentiert, als wären sie automatisch „echter“ oder „höher“.
Weder Gedanken noch Gefühle sind per se „realer“ oder „wahrer“. Sie sind flüchtige Erscheinungen – Bewegungen des Geistes, die kommen und gehen. Erst wenn wir ihnen Bedeutung geben oder uns mit ihnen identifizieren, werden sie zur scheinbaren Realität. Der Verstand ist dabei kein Feind – im Gegenteil: Er ist ein feines Werkzeug, das uns hilft, in der Welt zu überleben und zu verstehen. Wir sollten ihn nicht ablehnen, sondern lernen, ihn zu nutzen – bewusst, nicht automatisch.
💗 Gefühle als Sprache der Seele
„Ich fühle, also bin ich – oder bin ich einfach nur hungrig?“
In vielen spirituellen Traditionen gelten Gefühle als Botschafter des Herzens. Freude, Liebe, Dankbarkeit? Meist ein Zeichen, dass du im Einklang mit deinem wahren Selbst bist. Angst, Wut, Traurigkeit? Hinweise auf alte Verletzungen, ungelöste Themen oder dein letztes Familientreffen.
👉 Gefühle sind keine Störung, sondern Wegweiser. Sie zeigen, wo Integration statt Abwehr angesagt ist.
🔍 Gefühl vs. Emotion – der feine Unterschied
Nicht alles, was innerlich rumort, ist gleich tief und bedeutungsvoll. Einige spirituelle Lehren unterscheiden:
Gefühle: ruhig, tief, verbunden mit dem Sein (z. B. Liebe, Frieden)
Emotionen: reaktiv, schnell, oft mental produziert (z. B. Eifersucht, Groll)
👉 Während Gefühle wie Ozeane sind, die dich tragen, sind Emotionen oft nur Sturm auf der Oberfläche – laut, aber nicht ewig.
🧠 Klarheit über Gedanken & Gefühle
Gedanken sind sehr viel schneller als Gefühle. Durch die Verzögerung zwischen diesen beiden kommt es zu einer Disbalance und einem "unharmonischen" Zustand. Umso mehr ich meinen Gefühlen Raum gebe und in der Beobachtung meiner Gedanken bin (nicht die sog. Meta-Ebene, die eine informationsverarbeitende Instanz ist), desto mehr löst sich dieser Spagat auf.
Wenn klares Sehen nicht gegeben ist, gehen Aktionen im Leben in eine falsche Richtung. Wie klar ich etwas sehen, ist das Wichtigste, was ich für mich und andere tun kann. Das heißt Klarheit in der Beobachter-Rolle. Im Buddhismus spricht man in der Kategorie der konzentrativen Meditationen von Schulung der Klarheit. Man kann sich hier ein beliebiges Objekt vorstellen (z.B. einen Buddha) und diesen in all seinen Details (die man natürlich vorher kennengelernt hat) visualisieren. Das funktioniert aber nur dann, wenn man nicht alle paar Sekunden mit seiner Aufmerksamkeit woanders abdriftet. Also der Vogel der draußen zwitschert, der Rücken der juckt oder wehtut usw. Deshalb muss man im ersten Schritt üben, den Fokus zu halten, bevor die Klarheit kommen kann.
„Denk weniger, fühl mehr“ – dieser Satz taucht oft in spirituellen Kreisen auf, besonders im westlichen Raum. Aber oft klingt er eher nach einer Kompensation als nach Reife. Die Idee, man könne „weniger denken“, ist an sich irreführend. Denn das Denken hört nicht einfach auf – es ist wie ein Fluss. Aber: Man kann lernen, nicht ständig hineinzuspringen. In der Meditationspsychologie unterscheidet man zwischen willkürlichem Denken (man kann es zügeln) und automatischem Denken (man kann es beobachten und umleiten). Durch Achtsamkeit beruhigt sich der Geist von selbst, ohne Kampf und ohne ihn „wegzumachen“. Das funktioniert nicht durch Ablenkung – also nicht durch Handy, Buch oder Gespräche –, sondern durch echtes Stillwerden. Für viele ist das anfangs unbequem. Doch gerade dann erkennt man, wie laut der Geist oft ruft und ständig Aktion verlangt.
🕊️ Gefühle als Tor zur Präsenz
„Fühle dein Gefühl – aber sei nicht dein Drama.“
Spirituelle Lehrer wie Eckhart Tolle erinnern uns: Gefühle sind ein Portal zum Jetzt. Wenn wir sie bewusst fühlen, statt sie wegzudenken oder dramatisch auszuleben, offenbaren sie ihre wahre Botschaft – ganz ohne Taschentuch-Orgie.
👉 Gefühle bewusst fühlen heißt: Präsenz statt Problem. Sein statt Selbstmitleid.
Und: Es lohnt sich, immer wieder zu prüfen, ob wir gerade wirklich fühlen – oder nur über Gefühle sprechen („mir geht’s gut“) ohne sie tatsächlich im Körper wahrzunehmen. Das meint der Unterschied zwischen äußerem und innerem Raum. Yogisch gesprochen ist das ein Schritt in Richtung Pratyāhāra – das Zurückziehen der Sinne – oder im Buddhismus die Achtsamkeit auf den Körper (Kāyānupassanā).
Gefühle sind nicht die Wahrheit. Aber sie zeigen dir, wo du gerade bist – wenn du bereit bist, still genug hinzuhören.
🧘 Gefühle in der spirituellen Praxis
Gefühle sind nicht der Feind der Erleuchtung – sie sind oft der schnellere Weg dorthin als 37 Stunden Lotus-Sitz. Viele Praktiken setzen genau da an:
Meditation: Raum geben statt Wegschieben
Schattenarbeit: das Unerwünschte willkommen heißen
Herzöffnung: Mitgefühl kultivieren (z.B. über Metta-Meditation)
Atemarbeit & Körperarbeit: emotionale Blockaden lösen Durch Fokussierung auf den Atem kommt man besser aus dem Denken heraus. Am besten zu Hause für sich und ohne externe Anleitung (weil dann mein Geist ja wieder aktiv ist, weil er zuhören und die Informationen verarbeiten muss).
👉 Transformation passiert nicht im Kopf, sondern im Erlauben und Fühlen.
Im Bezug auf die sog. 3 höheren Schulungen im Buddhismus kann man das Thema Gefühle und Emotionen in etwa so zuordnen:

🌟 Ziel: Emotionale Freiheit & Herzintelligenz
Nicht weniger fühlen – besser fühlen.
Spiritualität bedeutet nicht, emotionslos wie ein Zen-Kaktus durchs Leben zu laufen. Sondern: Gefühle durchfließen lassen, ohne sich darin zu verheddern. Daraus entsteht Herzintelligenz – eine Mischung aus Mitgefühl, Klarheit und „Ich brauch kein Drama, danke.“
👉 Fühlen ≠ Festhalten. Du wirst nicht kalt – du wirst frei.
Gefühle wahrzunehmen bedeutet allerdings nicht, sie auszuleben, zu unterdrücken oder auf andere zu projizieren. Im Yoga und Buddhismus geht es nicht ums Unterdrücken, sondern ums Durchfühlen - aber ohne Reaktivität, also nicht "express more". Es bedeutet, Raum zu schaffen – innerlich, ruhig, bewusst. Setz dich hin, beobachte, spüre. Auch das Etikett „gutes“ oder „schlechtes“ Gefühl ist nur eine Einordnung des Geistes. Ein Gefühl ist ein Gefühl – mehr nicht. Wie der indische Mystiker Sadhguru sagte: Es geht um Erweiterung der Wahrnehmung, nicht um äußeren Ausdruck (enhancement of perception, not extension nor expression).
⚖️ Kritische Perspektiven auf Gefühle
Natürlich gibt’s auch im spirituellen Kosmos ein paar Warnschilder:
1. Gefühle als Ego-Falle
Manche Traditionen sehen Gefühle als Teil der Illusion (Maya).Zu viel Identifikation? Zack, Ego-Falle.👉 Gefühl ≠ wahres Selbst.
2. Gefühle als Konditionierung
„Ich fühl das so“ heißt nicht automatisch „Das ist meine Wahrheit.“👉 Oft sind es alte Prägungen, nicht echte Präsenz.
3. Gefühlsanbetung
Das Mantra „Folge deinem Gefühl“ kann zur spirituellen Einbahnstraße werden, wenn Bewusstsein fehlt.👉 Gefühle sind Berater, keine Diktatoren.
4. Gefühl ≠ Wahrheit
Nicht alles, was sich wie Liebe anfühlt, ist es auch – manchmal ist’s nur Bedürftigkeit im hübschen Gewand.
🌀 Fazit: Fühlen wie ein Yogi – nicht wie ein Drama-König
Gefühle sind ein wertvoller Kompass auf dem spirituellen Weg – wenn wir sie bewusst fühlen, aber nicht zu unserem Lebensinhalt machen. Wahre Freiheit beginnt dort, wo du alles fühlst, aber nichts davon wirst. Oder wie ein weiser Mystiker sagen würde:
„Fühle alles – und sei nichts davon.“
Weiterführende Links
Greater Good Science Center (Berkeley): https://greatergood.berkeley.edu/
Wissenschaftlich fundierte Artikel über Emotionen, Empathie, Achtsamkeit.
Yogawiki (Emotionen und Gefühle): https://wiki.yoga-vidya.de/Emotionen_Gef%C3%BChle
Dr. Scott Eilers - How Following Your Heart Can Destroy Your Life - The Addiction to Feel Good
Sadhguru - How to Overcome Compulsive Emotional Patterns?
Sadhguru - Enhancing Your Perception
Passende Buchempfehlungen
Eckhart Tolle – Jetzt! Die Kraft der Gegenwart Zentrale Quelle für das Thema Präsenz, bewusstes Fühlen und das „Nicht-Identifizieren“ mit Gedanken und Emotionen.– Kapitel: Emotionale Schmerzenergie und Körperbewusstsein.
Michael A. Singer – Die Seele will frei sein (The Untethered Soul) Über das bewusste Beobachten von inneren Zuständen, ohne sich damit zu identifizieren.– Thema: Gefühle kommen und gehen – das Selbst bleibt.
Thich Nhat Hanh – Versöhnung mit dem inneren Kind Verbindung von Achtsamkeit und Heilung emotionaler Verletzungen.– Stichwort: Gefühle als Teil des inneren Kindes integrieren.
Pema Chödrön – Wenn alles zusammenbricht (When Things Fall Apart) Buddhistische Perspektive auf das Umarmen von Schmerz und Gefühlen als Weg zur Freiheit.
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