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Pre- und Transrational: Die Reise von „Hä?“ zu „Aha!“

Aktualisiert: 9. Mai

Warum wir in der Spiritualität manchmal rückwärts laufen, obwohl wir denken, wir fliegen – und wie Tantra dabei helfen kann, es zu merken.


Hast du dich schon mal gefragt, was genau mit pre-rational und transrational gemeint ist? Wenn nicht – Glückwunsch, du bist vermutlich emotional stabil. Wenn doch – dann bist du wahrscheinlich auf dem Weg in eine der interessantesten (und verwirrendsten) Unterscheidungen der modernen Spiritualitäts- und Bewusstseinsforschung gestoßen.


Denn diese beiden Begriffe sind so etwas wie der kleine Intelligenztest für spirituelle Bewegungen: Wer sie verwechselt, läuft Gefahr, entweder in die Kindheit zurückzufallen oder sich mit einem Glitzerkristall für erleuchtet zu halten.


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🤓Vorab - warum war das wichtig für mich zu verstehen?

Durch diese Begriffe wurde mir klar, dass mir etwas Wesentliches fehlte: das tief empfundene Leben selbst. Doch dafür musste ich nicht meinen rationalen Geist oder meine Art zu leben ablehnen. Stattdessen wurde mein Denken ergänzt – durch eine erweiterte Wahrnehmung, die über das rein Rationale hinausgeht. Warum sollten wir auch das komplexeste Instrument des Planeten – unser Gehirn – verwerfen? Wir müssen nur lernen, es zu nutzen: als Werkzeug, das uns dient, nicht umgekehrt.


In der buddhistischen Praxis geht es nicht darum, Gedanken zu unterdrücken, sondern sie zu erkennen – als das, was sie sind. Ethik, Konzentration und Weisheit helfen uns, den Geist zu klären, ohne ihn zu bekämpfen. Auch die moderne Neurowissenschaft zeigt: Achtsamkeit verändert messbar die Funktionsweise des Gehirns. Es geht nicht um Ausschluss, sondern um bewusste Integration – ein Zusammenwirken von Vernunft und intuitivem Erleben.



🧠 Was heißt eigentlich pre-rational?

Stell dir einen Zustand vor, bevor der Verstand so richtig eingeschaltet ist – prä-rational also. Kinder sind prä-rational, genauso wie Menschen, die im emotionalen Überlebensmodus reagieren („Ich hab geschrien, weil ich das Gefühl hatte!“). Es gibt keine reflektierte Distanz zur eigenen Erfahrung, sondern nur Impuls, Intuition, Affekt.


In vielen spirituellen Kreisen wird dieser Zustand fälschlicherweise romantisiert – als „natürlicher“ oder „authentischer“. Dabei ist es eben nicht transzendent, sondern einfach vor der Ratio – nicht dahinter. Kurz: Pre-rational ist nicht post-rational, sondern eben... kindlich. Oder regressiv.


🧘 Was ist dann transrational?

Jetzt wird's spannend. Der transrationale Zustand geht über die Rationalität hinaus, aber ohne sie zu leugnen. Er umfasst den Verstand – und übersteigt ihn. Typisch für mystische Erfahrungen, Zen-Erleuchtung, tiefe Meditation, Samadhi-Zustände, oder das intuitive Durchdringen der Wirklichkeit jenseits aller Konzepte.


Das ist kein dumpfes Spüren, sondern ein wacher, durchdrungener Klarzustand, den viele Traditionen nur mit Jahren (oder Leben) der Praxis erreichen. Transrational ist: Klarheit ohne Gedanke, Wissen ohne Argument.


🎯 Der Knackpunkt: Verwechslung macht Probleme

Das eigentliche Drama beginnt, wenn das Prä- mit dem Transrationalen verwechselt wird. Plötzlich wird emotionales Chaos zur „Intuition“, kindliche Projektion zur „Seele“, und jeder Fluchtimpuls zur „göttlichen Eingebung“.


Der integrale Denker Ken Wilber hat dieses Problem ausführlich beschrieben – viele moderne spirituelle Strömungen (vor allem im Westen) verwechseln Regression mit Transzendenz. Und das bringt uns zu einem besonders beliebten Beispiel: Tantra.


💋 Tantra: Zwischen Tiefe und Trend

Wenn im Westen das Wort Tantra fällt, entstehen schnell zwei Bilder:

  1. spirituelle Tiefe, Energiearbeit, Bewusstseinserweiterung –

  2. oder: sinnliche Pärchenübungen mit Räucherstäbchen und Augenkontakt.


Beide haben mit dem ursprünglichen Tantra nur bedingt zu tun. Denn das, was etwa im Vajrayana-Buddhismus als tantrischer Pfad gilt, ist ein radikal fordernder Weg der Befreiung, auf dem man nicht einfach so „drauflos praktiziert“. Voraussetzungen sind u. A.:

  • Bodhicitta (der Erleuchtungsgeist),

  • jahrelange Schulung in Ethik, Meditation und Erkenntnis,

  • eine stabile Lehrer-Schüler-Beziehung,

  • und das, was man „diamantgleiche Veranlagung“ nennt – also: spirituelle Tiefe, nicht Instagram-Tauglichkeit.


Im Gegensatz dazu bietet das Neo-Tantra, wie es in vielen westlichen Kursen gelebt wird, oft vor allem: körperliche Selbsterfahrung, Beziehungsarbeit und emotionalen Ausdruck. Es ist – um Wilber zu bemühen – häufig prä-rationales Spüren, das als transrationale Weisheit verkauft wird.


Dabei ist nichts gegen diese Erfahrungen einzuwenden – sie können heilsam, befreiend, lebensverändernd sein. Nur: Sie sind nicht automatisch spirituell entwickelt, nur weil man dabei Mantras singt und Chakren malt.


🧭 Säkular, spirituell – oder einfach ehrlich?

Die säkulare Ethik, wie sie etwa vom Dalai Lama vertreten wird, versucht eine Balance: Sie verlässt sich auf Rationalität, fördert Mitgefühl und erkennt an, dass Spiritualität nicht zwangsläufig religiös oder esoterisch sein muss.


Sie ist ein gutes Beispiel für eine transrationale Haltung, die rationales Denken nicht ablehnt, sondern integriert – und dabei offen bleibt für Erfahrungsräume jenseits des Denkens, ohne in kindliche Wunschwelten abzurutschen.


🧩 Fazit: Zwischen Hä und Aha

Pre- und transrationale Zustände zu unterscheiden ist nicht nur ein philosophisches Hobby. Es ist essenziell, um nicht in spirituelle Sackgassen zu rennen – oder schlimmer: andere mit dem eigenen Unverständnis zu verwirren.


Ob in modernen Tantra-Kreisen, New-Age-Angeboten oder bewährten Traditionen: Die Frage bleibt immer – bin ich gerade vor dem Denken, im Denken oder jenseits davon?


Das Leben liefert täglich Gelegenheiten für alle drei Zustände. Die Kunst ist, sie nicht zu verwechseln.


Bonus für Fortgeschrittene: Wenn du gerade denkst: „Aber ist nicht schon die Unterscheidung selbst wieder rational?“ – Willkommen im transrationalen Club. Bitte nimm Platz. Atme. Und nimm nichts davon zu ernst.


Weiterführende Links

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  • Ken Wilber - Eros, Kósmos, Logos (Eine Vision an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend)








 
 
 

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